- Großer Preis der Nationen 1929
- Veranstalter: AvD
- Gesamtstrecke: 28.265 m
- 18 Runden = 508,77 km
14. Juli 1929
Chirons Bugatti-Sieg beendet die Mercedes-Serie am Nürburgring
- Louis Chiron gewinnt vor Georges Philippe im Bugatti T35C.
- Caracciolas Mercedes-Benz SSK fällt nach fünf Runden aus.
- Offene Tankvorgänge und enge Boxen werden zum Sicherheitsproblem.
Am 14. Juli 1929 trafen beim Großen Preis der Nationen auf dem Nürburgring die großen Mercedes-Benz-Sportwagen auf eine starke Bugatti-Konkurrenz. Der AvD hatte das Rennen über 18 Runden auf dem 28,265 Kilometer langen Kurs ausgeschrieben: 508,77 Kilometer, auf denen neben Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit auch die Arbeit an den Boxen eine Rolle spielte. Am Ende gewann Louis Chiron im Bugatti T35C vor seinem Markenkollegen Georges Philippe. Die bis dahin erfolgreichen Mercedes-Benz-Wagen mussten sich mit dem dritten Gesamtrang begnügen.
Ein einmaliger Name und veränderte Sportwagenregeln
Ursprünglich war für die Veranstaltung die Bezeichnung „Großer Preis von Deutschland“ vorgesehen. Weil dieser Titel Rennwagenveranstaltungen vorbehalten bleiben sollte, erhielt das auch für Sportwagen ausgeschriebene Rennen den Namen „Großer Preis der Nationen“. Die Bezeichnung blieb eine Ausnahme. Für den Sieger waren 30.000 Reichsmark vorgesehen, für den Zweitplatzierten 20.000 Reichsmark.
Die Sportwagen mussten 1929 nicht mehr viersitzig sein; ein Beifahrer blieb jedoch vorgeschrieben. Mercedes-Benz konnte deshalb einen kürzeren Wagen einsetzen: Beim SSK, dessen Zusatzbuchstabe für „kurz“ stand, war der Radstand auf 2.950 Millimeter verkürzt. Die Startaufstellung richtete sich nicht nach Trainingszeiten, sondern nach der Reihenfolge der Nennungen und den Hubraumgruppen. Zuerst standen die Wagen mit mehr als 3.000 ccm, danach die Fahrzeuge bis 3.000 ccm und schließlich diejenigen bis 1.500 ccm. Es wurden ausschließlich gerade Startnummern vergeben.

44 Fahrzeuge waren gemeldet, 33 nahmen das Rennen auf. Die Bilanz fiel für viele Teilnehmer ernüchternd aus: 14 Wagen wurden gewertet, 19 blieben ohne Wertung. Das Feld umfasste neben den großen Mercedes-Benz-Wagen unter anderem Bugatti, Maserati, Alfa Romeo, Fiat, DKW, Hanomag und weitere Marken.

Caracciola beginnt schnell – und kommt nicht ins Ziel
Rudolf Caracciola war im Mercedes-Benz SSK der Schnellste im Training gewesen. Sein erster Startplatz war allerdings keine Belohnung für diese Leistung, sondern Folge seiner frühen Nennung. Im Rennen gehörte er von Beginn an zu den schnellsten Fahrern. Die anfängliche Stärke des Mercedes-Benz konnte er nicht bis ins Ziel tragen: Bereits nach fünf Runden war sein Rennen infolge eines Pleuelbruchs beendet.
Auch der Mercedes-Benz SSK von Georg Kimpel schied früh aus; für ihn ist nur eine absolvierte Runde verzeichnet.Auch der Mercedes-Benz SSK von Georg Kimpel kam nicht ins Ziel. Kimpel lag drei Runden in der Spitzengruppe und fiel in der sechsten Runde aus: Der Protektor eines Hinterradreifens zertrümmerte den Kotflügel und beschädigte die Hinterachse, sodass er mit Kardanwellenbruch ausschied. Damit fehlten zwei Wagen aus dem starken Aufgebot in einem entscheidenden Teil des Rennens. Die übrigen Mercedes-Benz-Mannschaften mussten sich gegen die weiterlaufenden Bugatti behaupten.

Chiron setzt sich gegen die Konkurrenz durch
Louis Chiron nutzte die Gelegenheit und brachte seinen Bugatti T35C nach 18 Runden in 4:46:06,400 Stunden als Sieger ins Ziel. Sein Schnitt betrug 106,7 km/h. Auch die schnellste Rennrunde ging an Chiron: 15:06,0 Minuten beziehungsweise 112,31 km/h. In der sechsten und siebenten Runde lag sein Rundenschnitt bereits über 112 km/h. Chiron absolvierte das Rennen ohne Fahrerwechsel. Georges Philippe, ebenfalls auf einem Bugatti T35C, belegte mit 4:57:52,200 Stunden den zweiten Platz. Bugatti erreichte damit einen Doppelsieg in der Gesamtwertung.
Die beiden schnellen Bugatti standen für eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse. Nach den Erfolgen der großen Mercedes-Benz-Wagen in den Vorjahren gewannen diesmal Fahrzeuge der mittleren Hubraumgruppe die beiden Spitzenplätze. Guy Bouriat, ebenfalls auf Bugatti T35C, wurde Vierter. Mario Lepori erreichte auf Bugatti T35B den fünften Gesamtrang.

Mercedes-Benz: Klassensieg trotz verlorener Gesamtwertung
Als bestes Mercedes-Benz-Team belegten August Momberger und Max von Arco-Zinneberg im SSK den dritten Platz der Gesamtwertung. Nach 18 Runden wurden 5:00:37,800 Stunden notiert. Laut ADAC-Motorwelt Nr. 30/1929, S. 5 (Meurer) steuerte Graf Arco nur zwei Runden, Momberger die restlichen 16 – „ein Bravourstück“, nach dem er „fertig“ war. Zugleich gewannen sie die Klasse der Sportwagen mit mehr als 3.000 ccm; für diese Klassenleistung ist ein Durchschnitt von 101,6 km/h überliefert.
Mit Willy Rosenstein und Adolf Rosenberger erreichte ein weiterer Mercedes-Benz SSK das Ziel. Das Duo belegte nach 18 Runden in 5:09:20,110 Stunden den sechsten Gesamtrang und damit Platz zwei in der großen Sportwagenklasse. Sie verloren durch einen lecken Kühler in jeder Runde Minuten beim Wassernachfüllen und dadurch den Klassensieg, obwohl sie für Reifenwechsel und Tanken die wenigste Zeit brauchten. Obwohl Mercedes-Benz den Klassensieg behauptete, lag selbst der bestplatzierte Wagen der Marke im Gesamtklassement hinter zwei Bugatti.

Die kleineren Klassen: Burggaller gewinnt mit Bugatti
Auch in der Wertungsgruppe der Wagen über 750 bis 1.500 ccm setzte sich ein Bugatti durch. Ernst Günther Burggaller erreichte im Bugatti T37A den achten Gesamtrang und gewann seine Klasse. Er war mit 17 absolvierten Runden klassiert, ebenso wie Eckhart von Kalnein als Gesamt-Siebter im Bugatti T35B, Diego de Sterlich als Neunter im Maserati 26B sowie Hans Kersting als Zehnter im Bugatti T37A.
Dahinter wurden Francesco Pirola im Alfa Romeo 6C 1500SS, Berthold Stoll im Fiat 509, Amedeo Ruggeri im Maserati 26 und Gerhard Macher im DKW mit jeweils 16 Runden gewertet. Gerade die hinteren Platzierungen zeigen, wie unterschiedlich die Fahrzeuge der verschiedenen Hubraumgruppen über die Distanz kamen.
Boxengasse zwischen Zeitgewinn und Brandgefahr
Die Boxenarbeit rückte während des Rennens besonders in den Blick. Auf engem Raum wurden Fahrzeuge betankt, Reifen gewechselt und Reparaturen ausgeführt, während andere Wagen vorbeifuhren. Zu den Risiken zählte verschütteter Kraftstoff: Benzin konnte in der Nähe heißer Auspuffteile gelangen. Auch rauchende Personen und der unzureichend abgeschirmte Publikumsbereich wurden als Gefahren wahrgenommen.
Besonders problematisch war der Umgang mit Kraftstoff. Beim Auftanken konnte Benzin verschüttet werden, während in unmittelbarer Nähe an heißen Fahrzeugen gearbeitet wurde. Eine klare räumliche Trennung zwischen den einzelnen Tätigkeiten fehlte. Ein konkreter Brandfall ist für dieses Rennen damit nicht belegt.
Bei Mercedes-Benz klappte die Boxenarbeit unter Leitung von Oberingenieur Neubauer dagegen „wie am Schnürchen“. Helfer und Mechaniker mussten Tankbehälter bewegen, Arbeiten organisieren und Fahrzeuge möglichst schnell wieder auf die Strecke bringen. Die damaligen Zustände machten sichtbar, dass Boxenorganisation und Sicherheit mit den steigenden Geschwindigkeiten nicht gleichermaßen Schritt hielten.
Ausfälle, Defekte und der Blick auf die Sicherheit
Die Ausfallursachen sind in der zeitgenössischen Berichterstattung weitgehend festgehalten. Caracciola schied mit Pleuelbruch aus, Kimpel mit Kardanwellenbruch. In der Klasse von 1,5 bis 3 Liter fielen Dr. Bittmann (Bugatti) und Baron Sartorio (Alfa Romeo) jeweils mit Ventilbruch aus. Aus der Klasse von 750 bis 1500 ccm schieden Schulze (Bugatti, Ölpumpendefekt), Seibel (Bugatti) und Simons (DKW, jeweils Motordefekt), Meyer (DKW, Vergaserstörungen), Butenuth (Hanomag, geplatzter Kühlwasserschlauch), Häberle (Hanomag, erst Kerzenschwierigkeiten, dann ein verbogener Achsschenkel), Karger (Z-Wagen, Getriebebruch), Urban (Talbot, Vorderachsschenkelbruch), Wilhelm (Lombard, Magnetstörungen) und Birven (Imperia, Vergaserdefekt) aus; bei Flora (Z-Wagen) blieb die Ursache unbekannt. Die beiden Z-Wagen von Flieger und Prochazka wurden wegen Zeitüberschreitung abgewinkt, weil sie das Tempo von Machers DKW nicht halten konnten.
Über die Rennstrecke hinaus wurden auch die Zuschauerführung und die Ordnung im Fahrerlager kritisch betrachtet. Die große Zahl von Menschen, die sich an den Zugängen, Parkplätzen und entlang der Wege bewegten, erforderte eine klare Verkehrslenkung. Als weitere Problemfelder galten die räumliche Enge der Boxen, ungeschützte Bereiche und die Nähe von Zuschauern zu laufenden Fahrzeugen. Die Sicherheitsdebatte war nicht bloß theoretisch: Rennbetrieb, Tankvorgänge und Publikumsverkehr fanden vielerorts in unmittelbarer Nachbarschaft statt.
Ein Sieg mit sportlicher und organisatorischer Aussage
Mit dem Doppelsieg von Louis Chiron und Georges Philippe gewann Bugatti beim Großen Preis der Nationen 1929 die Gesamtwertung gegen die zuvor dominierenden großen Mercedes-Benz. Die Mercedes-Mannschaften holten zwar den Sieg in ihrer Hubraumklasse, verloren aber den Kampf um den Gesamterfolg. Zugleich machte das Rennen deutlich, wie stark die Leistungssteigerung der Wagen die Anforderungen an Boxenarbeit, Organisation und Zuschauerabsicherung verschärfte.
| Gemeldet | 44 |
| Gestartet | 33 |
| Gewertet | 14 |
| Nicht gewertet | 19 |
| Sieger | #28, Louis Chiron, Automobiles Ettore Bugatti, Bugatti T35C, 18 Runden, 4:46:06,400 Std. |
| Schnellste Runde | #28, Louis Chiron, Automobiles Ettore Bugatti, Bugatti T35C, 15:06,0 min = 112,31 km/h |
Gesamtergebnis*
| # | Klasse | Team | Fahrer | Fahrzeug | Rnd. | Zeit (h) Schnitt (km/h) | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 28 | 2000 ccm | Automobiles Ettore Bugatti | Louis Chiron (MC) | Bugatti T35C | 18 | 4:46:06,400 106,9 |
| 2 | 2000 ccm | Automobiles Ettore Bugatti | Georges Philippe (F) | Bugatti T35C | 18 | 4:57:52.200 | |
| 3 | 10 | +3000 ccm | Daimler Motoren Gesellschaft | August Momberger (D) / Max von Arco-Zinneberg (D) |
Mercedes-Benz SSK | 18 | 5:00:37.800 |
| 4 | 2000 ccm | Automobiles Ettore Bugatti | Guy Bouriat (F) | Bugatti T35C | 18 | 5:03:28.400 | |
| 5 | 3000 ccm | - | Mario Lepori (CH) | Bugatti T35B | 18 | 5:06:12,600 | |
| 6 | 12 | +3000 ccm | Daimler Motoren Gesellschaft | Willy Rosenstein (D)/ Adolf Rosenberger (D) |
Mercedes-Benz SSK | 18 | 5:09:20,110 |
| 7 | 3000 ccm | Automobiles Ettore Bugatti | Eckhart von Kalnein (D) | Bugatti T35B | 17 | + 1 Runde | |
| 8 | 1500 ccm | - | Ernst Günther Burggaller (D) | Bugatti T37A | 17 | + 1 Runde | |
| 9 | 2000 ccm | Officine Alfieri Maserati | Diego de Sterlich (IT) | Maserati 26B | 17 | + 1 Runde | |
| 10 | 1500 ccm | - | Hans Kersting (D) | Bugatti T37A | 17 | + 1 Runde | |
| 11 | 1500 ccm | - | Francesco Pirola (IT) | Alfa Romeo 6C 1500SS | 16 | + 2 Runden | |
| 12 | 1500 ccm | - | Berthold Stoll (D) | Fiat 509 | 16 | + 2 Runden | |
| 13 | 1500 ccm | - | Amedeo Ruggeri (IT) | Maserati 26 | 16 | + 2 Runden | |
| 14 | 1100 ccm | - | Gerhard Macher (D) | DKW | 16 | + 2 Runden | |
| Nicht gewertet | |||||||
| 1100 ccm | Hannoversche Maschinenbau AG | Karl Häberle (D) | Hanomag | 12 | |||
| 2 | +3000 ccm | Daimler Motoren Gesellschaft | Rudolf Caracciola (D) | Mercedes-Benz SSK | 5 | ||
| 1100 ccm | - | Hans Simons (D) | DKW | 4 | |||
| 6 | - | Eduard Klimberg (Estland) | Renault 40 CV | 2 | |||
| 4 | +3000 ccm | Daimler Motoren Gesellschaft | Georg Kimpel (D) | Mercedes-Benz SSK | 1 | ||
| 2000 ccm | - | Ottokar Bittmann (CZ) | Bugatti T35C | 1 | |||
| 1100 ccm | Hannoversche Maschinenbau AG | Helmut Butenuth (D) | Hanomag | 1 | |||
| Talbot | Hugo Urban-Emmerich (CZ) | Talbot 70 | 1 | ||||
| 1100 ccm | - | Birven (B) | Imperia | ||||
| 1100 ccm | - | Anton Kahle (CZ) | Zbrojovka Z2 | ||||
| 1100 ccm | - | Josef Mamula (CZ) | Zbrojovka Z2 | ||||
| 1100 ccm | - | Ernst Prochazka (CZ) | Zbrojovka Z2 | ||||
| 2000 ccm | - | Antonio Sartorio (IT) | Alfa Romeo 6C | ||||
| 1100 ccm | - | Willy Scholl (D) | Amilcar | ||||
| 1500 ccm | - | Ingemar Schulze (D) | Bugatti T37A | ||||
| 1500 ccm | - | Willi Seibel (D) | Bugatti T37A | ||||
| 1100 ccm | - | Karl Stohanzl (CZ) | Zbrojovka Z2 | ||||
| 1100 ccm | - | Karel Tunal Divisek (CZ) | Zbrojovka Z2 | ||||
* Die vorliegende Ergebnisübersicht ist mit einigen Unsicherheiten verbunden. Bereits die zugrunde liegende Zusammenstellung weist darauf hin, dass nicht alle Angaben zweifelsfrei belegt sind und einzelne Quellen voneinander abweichen. So werden insgesamt 19 nicht gewertete Teilnehmer genannt, jedoch nur 18 namentlich aufgeführt. Auf eine Ergänzung des fehlenden Namens wurde daher verzichtet. Auch die überlieferten Ausfallursachen und Hinweise auf mögliche Gefährdungen lassen sich nicht immer eindeutig bestimmten Fahrern oder Vorfällen zuordnen. Um Spekulationen zu vermeiden, wurden ausschließlich Angaben berücksichtigt, die sich anhand der Quellen nachvollziehen lassen.
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Fotos: Daimler AG
Titelbild: von links: #2 - Rudolf Caracciola mit Beifahrer Heinrich Kühnle. #4 - Georg Kimpel mit Beifahrer Eugen Salzer, #12 - Willy Rosenstein / Adolf Rosenberg. (Startnummer 6 - Renault).
Quellen und Links:
ADAC-Motorwelt, Nr. 30, 26. Juli 1929, S. 5: „Großer Preis der Nationen auf dem Nürburgring“, Adolf Meurer.
Allgemeine Automobil-Zeitung Nr. 15, 1. August 1929, S. 7ff.: "Der Große Preis der Nationen für Sportwagen".
Bugatti, Pressemeldung vom 12. Juli 2019: "Vor 90 Jahren: Bugatti siegt beim Großen Preis der Nationen 1929".
Daimler AG
racingsportscars.com (abgerufen am 1.1.2018)

