ADAC 6-Stunden-Fahrt für Sport- und Tourenwagen 1950

  • ADAC 6-Stunden-Fahrt für Sport- und Tourenwagen
  • Veranstalter: ADAC e.V., München
  • Nordschleife

24.09.1950

99 Autos, sechs Stunden und ein Rennen gegen den Regen

  • 99 Fahrzeuge starteten erstmals in Deutschland nach Le-Mans-Art.


  • Ein BMW 328 erreichte einen Schnitt von 92,2 km/h.


  • Trotz Regen und Nebel blieb das Rennen ohne Personenschäden.

Am 24. September 1950 wurde der Nürburgring zum Schauplatz eines ungewöhnlichen Motorsportexperiments. 99 Sport- und Tourenwagen traten bei strömendem Regen und dichtem Nebel zu einer sechsstündigen Zuverlässigkeitsprüfung an. Im Mittelpunkt standen nicht hochgezüchtete Rennwagen, sondern überwiegend serienmäßige Automobile, die ihre Leistungsfähigkeit unter extremen Bedingungen beweisen sollten. Ein Massenstart nach dem Vorbild von Le Mans, erstaunlich wenige technische Ausfälle und bemerkenswerte Leistungen der Fahrer machten die Veranstaltung zu einem besonderen Kapitel der frühen Nachkriegsgeschichte des Nürburgrings.

Ein Le-Mans-Start mit 99 Serienwagen

Schon am frühen Morgen lag der Nürburgring unter einer dichten Wolkendecke. Regen und Nebel hatten die Eifel fest im Griff. Dennoch versammelten sich die Teilnehmer im Fahrerlager, wo ihre Fahrzeuge seit dem Vorabend unter Verschluss gestanden hatten. Noch einmal wurden Kraftstoff, Öl und Kühlwasser kontrolliert, die Motoren warmgefahren und die vorgesehenen Rundenzeiten an den Windschutzscheiben befestigt.

Um 9 Uhr begann die Aufstellung. In zehn Gruppen verließen die Fahrzeuge das Fahrerlager und bezogen ihre Startplätze gegenüber der Haupttribüne. Die Wagen standen quer zur Fahrtrichtung in einer rund 250 Meter langen Reihe. Um 9.50 Uhr mussten die Motoren abgestellt werden. Die Fahrer verließen ihre Autos und stellten sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf.

Pünktlich um 10 Uhr senkte ADAC-Sportpräsident Jules Köther die Startflagge. 99 Fahrer liefen zu ihren Fahrzeugen, öffneten die Türen, starteten die Motoren und reihten sich in den Verkehr ein. 98 Wagen setzten sich nahezu gleichzeitig in Bewegung. Lediglich Lilian Heimann benötigte mit ihrem BMW etwas länger und nahm die Verfolgung des Feldes rund eine Minute später auf.

Es war der erste Massenstart nach Le-Mans-Art in Deutschland. Angesichts der engen Strecke, der schlechten Sicht und der großen Zahl unterschiedlicher Fahrzeuge hatten die Verantwortlichen mit Schwierigkeiten gerechnet. Doch der Start verlief ohne Berührung. Auch die erste Verengung der Strecke passierten die Teilnehmer ohne Zwischenfall.

Das Besondere an diesem Rennen war seine Zusammensetzung. Neben einigen Sportwagen gingen vor allem gewöhnliche Personenwagen an den Start. Volkswagen, Ford Taunus, Opel Kapitän, Borgward und Mercedes-Benz mussten sich unter Bedingungen bewähren, die weit über den damaligen Straßenverkehr hinausgingen.

Während die Sportwagen auf möglichst schnelle Rundenzeiten fuhren, mussten die Fahrer der Tourenwagen vorgeschriebene Durchschnittsgeschwindigkeiten einhalten. Je nach Hubraumklasse lagen diese zwischen 67 und 82 km/h. Auf dem 22,810 Kilometer langen Nürburgring bedeutete das eine erhebliche Herausforderung, zumal viele Teilnehmer die Strecke erst während des Trainings kennengelernt hatten.

Sechs Stunden Regen, Steinschlag und erstaunliche Zuverlässigkeit

Besonders eindrucksvoll war die Leistung von Katja Stockhausen aus Krefeld. Die Volkswagen-Fahrerin absolvierte die sechsstündige Prüfung mit einem Tempo, das nur wenige Jahre zuvor selbst für Sportwagen außergewöhnlich gewesen wäre. In der Klasse bis 1.200 Kubikzentimeter entsprach die vorgeschriebene Rundenzeit von 18:44 Minuten einer Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 73 km/h.

Stockhausen erreichte das Ziel, obwohl sie zeitweise ohne Windschutzscheibe fahren musste. Wie bei mehreren anderen Fahrzeugen war das gehärtete Sicherheitsglas durch Steinschlag beim Überholen zersprungen. Insgesamt verzeichnete die technische Kommission zehn zerstörte Windschutzscheiben, zwei davon bereits im Training.

Die zerborstenen Scheiben gehörten zu den auffälligsten Problemen des gesamten Wochenendes. In einem Fall halfen andere Teilnehmer einem Fahrer ohne Windschutzscheibe, indem sie ihm während der Fahrt eine Schutzbrille übergaben. Ein Vorgang, der heute kaum noch vorstellbar ist, damals aber als Beispiel für den Zusammenhalt unter den Teilnehmern galt.

Auch die übrigen technischen Schwierigkeiten blieben überschaubar. Ein abgerissener Auspuff, eine herausgesprungene Gaspedalfeder, ein festsitzender Stoßdämpfer und ein gerissener Gaszug gehörten zu den wenigen Defekten, die an den Boxen behoben werden mussten. Nach Angaben des zeitgenössischen Berichts fielen lediglich zwei Fahrzeuge aufgrund technischer Störungen aus.

Bemerkenswert war vor allem, wie zuverlässig die serienmäßigen Bremsen, Motoren und Fahrwerke die Belastung überstanden. Selbst die Reifen bereiteten trotz des hohen Tempos auf der nassen Strecke kaum Schwierigkeiten. Für die Ingenieure und Vertreter der Automobilindustrie war das Rennen deshalb weit mehr als ein sportlicher Wettbewerb.

Ganz ohne Zwischenfälle verlief die Veranstaltung allerdings nicht. Während des Trainings und des Rennens kamen mehrere Fahrzeuge von der Strecke ab. Ein Wagen geriet sogar so tief in den Wald, dass zur Bergung einige Bäume gefällt werden mussten. Die Unfälle verursachten Blech- und Karosserieschäden, Menschen wurden nach den vorliegenden Berichten jedoch nicht verletzt.

Der schnellste Wagen des Tages war ein BMW 328, der über die Distanz eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 92,2 km/h erreichte. Angesichts des Wetters und der Streckenverhältnisse war dies eine beachtliche Leistung.

Ein Schaufenster des automobilen Neubeginns

Fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die ADAC-6-Stunden-Fahrt auch eine wirtschaftliche Bedeutung. Die deutsche Automobilindustrie wollte demonstrieren, dass ihre Nachkriegsmodelle zuverlässig, leistungsfähig und für hohe Dauerbelastungen geeignet waren.

Deshalb wurde die Serienmäßigkeit der Fahrzeuge besonders streng kontrolliert. Schon vor dem Start untersuchte die technische Kommission unter der Leitung von Richard Dörnke unter anderem Vergaser, Bereifung, Federung und Verdichtungsdruck der Motoren. Auch die Kraftstoffqualität wurde überprüft. Allen Teilnehmern stand Benzin mit einer Oktanzahl von lediglich 70,5 zur Verfügung, was besonders hochverdichteten Motoren Schwierigkeiten bereitete.

Nach dem Rennen gingen die Untersuchungen weiter. Der Motor eines Volkswagens mit der Startnummer 34 wurde vollständig zerlegt und seine Bauteile mit serienmäßigen Teilen verglichen. Auch ein Ford Taunus, ein Borgward, ein Mercedes 170 S und ein Opel Kapitän wurden nachkontrolliert.

Die Ergebnisse waren bemerkenswert: Die Prüfer fanden keine unzulässigen Veränderungen, die einen wesentlichen Leistungsvorteil ermöglicht hätten. Besonders der zerlegte Volkswagen-Motor beeindruckte durch seinen hervorragenden Zustand und den ungewöhnlich leichten Lauf seiner Bauteile.

Damit hatte die Veranstaltung ihr wichtigstes Ziel erreicht. Die Serienautomobile hatten bewiesen, dass sie unter extremen Bedingungen sechs Stunden lang mit Geschwindigkeiten bewegt werden konnten, die noch wenige Jahre zuvor Rennwagen vorbehalten gewesen waren.

Auch abseits der Strecke zeigte sich der besondere Charakter dieses Septemberwochenendes. Trotz des Dauerregens harrten zahlreiche Zuschauer an der Strecke aus. Eine Gruppe, die in einem Wohnwagen im Wald übernachtet hatte, erhielt für ihre Ausdauer sogar einen Sonderpreis. Bei der abschließenden Siegerehrung war auch Bundesverkehrsminister Christoph Seebohm anwesend.

Für Katja Stockhausen endete der Tag mit einer besonderen Anerkennung. ADAC-Sportpräsident Köther überreichte ihr einen gewaltigen Blumenstrauß. Ihre Fahrt im Volkswagen gehörte zu den Leistungen, die den Zeitgenossen besonders in Erinnerung blieben.

Die ADAC-6-Stunden-Fahrt von 1950 war damit nicht nur eine Bewährungsprobe für die Fahrzeuge. Sie zeigte auch, wie sich der Motorsport auf dem Nürburgring nach dem Krieg wieder entwickelte. Im Mittelpunkt standen erschwingliche Serienwagen, zuverlässige Technik und Fahrer, die mit den Möglichkeiten ihrer Fahrzeuge vertraut waren. Dass dieses Experiment unter derart schwierigen Wetterbedingungen gelang, verlieh der Veranstaltung ihre besondere historische Bedeutung.

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Quelle: ADAC Motorwelt Nr. 11 vom 1. November 1950, Seiten 29ff

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